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Jugendmedientage BW: Jugend unter die Lupe genommen
- Nicole Beer:
Welche Veränderungen bemerken Sie bei jungen Leuten?
- Susanne Lang:
In meiner Position als Lehrende stelle ich fest, dass die Studierenden zunehmend auch in den Semesterferien arbeiten und sehr engagiert und aufstiegsorientiert sind. Junge Frauen streben dabei mittlerweile auch nach höheren Positionen, dürften aber noch kompromissloser sein. Das traditionelle Leben einer Frau mit Küche, Kinder und Kirche können sich die meisten nicht mehr vorstellen und das ist auch gut so. Generell gibt es große Ambitionen, aber auch enorme Zukunftsängste bei der heutigen Generation. Viele haben sehr hohe Wertansprüche, vor allem was Familie und Partnerschaft angeht und sind bereit Verantwortung zu übernehmen.
- Nicole Beer:
Jungen Leuten wird heute häufig Politikverdrossenheit und mangelndes Interesse an gesellschaftlichen Problemen vorgeworfen, haben Sie einen ähnlichen Eindruck?
- Susanne Lang:
Nein, definitiv nicht. Es ist relativ unbekannt, dass junge Menschen sich zu über 50% in der regionalen Politik und im Sozialen engagieren. Allerdings konzentrieren sie sich dabei eher auf ihre nähere Umgebung und sind weniger auf Bundesebene und in der Öffentlichkeit aktiv. Sie haben also durchaus ein großes Interesse an der Mitgestaltung des gesellschaftlichen Lebens. Auch das Engagement gegen den Bologna-Prozess und die neuen Abschlüsse haben keinesfalls Desinteresse gezeigt. Allerdings sollten Bildungseinrichtungen die Auseinandersetzung junger Menschen mit gesellschaftlichen Problemen gezielt fördern, denn das alleinige Pauken von Wissen ist meiner Meinung nach sinnlos und bereitet sie nicht auf das Leben vor.
- Nicole Beer:
Was unterscheidet Ihre Generation von der heutigen?
- Susanne Lang:
In meiner Jugend waren die Frauenbewegung und die 68er-Revolution schon am „Abklingen“. Dafür gab es neue, soziale Bewegungen und die Abrüstungsforderungen, die ich bei Protesten auch selbst unterstützt habe. Als Studentin hatte ich unter den damals bereits überfüllten Hörsälen und der mangelhaften Struktur des Studiums zu leiden und fühlte mich allein gelassen, daraufhin beteiligte ich mich ebenfalls an den Streiks. Insgesamt hatten wir aber sehr viel mehr Zeit und die braucht man auch. Denn aus dem vorgegebenen Rahmen auszubrechen, ist wichtig, um neue Lebenspläne zu entwickeln, um frischen Wind in die Welt zu bringen. Doch die heutige Generation wird durch die Rahmenbedingungen - das zu durchstrukturierte Studium und das „G8“- dazu gezwungen, so viel wie möglich in kurzer Zeit zu schaffen und kann somit nicht mehr ausbrechen. Dieser große Druck macht es für sie unwahrscheinlich schwierig, wie ihnen häufig vorgeworfen wird, zu revolutionieren.
- Nicole Beer:
Hat der Egoismus bei jungen Menschen zugenommen?
- Susanne Lang:
Eher nicht, es gibt vielmehr einen Trend zur Individualisierung. Das liegt aber meiner Meinung nach hauptsächlich an den harten Rahmenbedingungen: G8 und Studium fordern viel und so bleibt nichts anderes übrig als sich eben selbst durchschlagen! Wenn man nicht selbst schaut, wo man bleibt, geht man ja unter.
- Nicole Beer:
Gibt es auch Entwicklungen der Jugendlichen, die sie kritisieren?
- Susanne Lang:
Ich halte den Blick über den Tellerrand hinaus, gerade auch Interesse für das Geschehen in anderen Ländern, für sehr wichtig und vermisse das mittlerweile ein wenig. Jeder konzentriert sich - und das ist eben doch eine Tendenz zum Egoismus - mehr auf seine eigene kleine Welt und setzt sich nur für die Belange seiner Gruppierung ein. Auch der wachsende Zulauf für rechtsextreme Parteien, gerade von jungen Menschen, macht mir Sorgen. Ebenso wie die zunehmende Ausgrenzung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Deshalb setze ich mich mit verschiedenen Jugendverbänden für eine interkulturelle Öffnung von Vereinen ein, um auch dort eine Basis für die neue „Einwanderungsgesellschaft“ zu schaffen.
- Nicole Beer:
Wie kann man die zunehmende Konzentration auf sich selbst eindämmen?
- Susanne Lang:
Indem man auch einmal versucht, Bewegungen außerhalb der eigenen, kleinen Welt wahrzunehmen und sich für andere einsetzt, wie beispielsweise für die Menschen in der Dritten Welt. Außerdem ist eine neue Gerechtigkeitsdefinition notwendig, vor allem im Bezug auf Frauen, die immer noch stark in traditionelle Frauenberufe gedrängt werden, und im Bezug auf die Integration und Behandlung von Migranten. Eine Gerechtigkeit, die für alle gleich gilt.
Weiterführende Links
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